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Landesverband Westfälischer und
Lippischer Imker e.V.


Fachbereich Zucht

 

Bienenzucht - Zucht unter erschwerten Bedingungen

Verfasst am 07.08.2010

Bienenzucht – Zucht unter erschwerten Bedingungen
Wir haben nun in dem vorangegangenen Aufsatz gelernt, dass es, will man erfolgreich züchten, wichtig ist biologische Grundregeln zu beachten.
Will man nun Bienen züchten, d. h. ernsthaft aus einer vorhandenen  Population Honigbienen, Nachkommen zu selektieren,  bei denen von Generation zu Generation  ein gewisser Zuchtfortschritt  erkennbar wird, dann werden wir sehen, dass zu den allgemeinen Grundregeln, an denen wir bei der Zucht grundsätzlich nicht vorbeikommen, noch zusätzliche Dinge zu beachten sind.  Es ist bei der Bienenzucht auf biologische Besonderheiten zu achten, die bei Pflanzen oder Tieren, die züchterisch bearbeitet werden, nirgendwo vorkommen.  Bienen sind, neben den Seidenraupen, die einzigen Insekten, die der Mensch als Haustier hält und darum bestrebt ist, auch hier züchterische Fortschritte zu erlangen.
Zuerst einmal ist es klar, dass wir als Startgrundlage eine Geschwistergruppe von Königinnen nehmen bei der wir ein hohes Maß an Reinerbigkeit vermuten. Da bei geografischen Rassen Reinerbigkeit in höherem Maße anzutreffen ist, als bei Kreuzungen verschiedener Rassen, nutzen wir die Möglichkeiten, unsere erste Zuchtkönigin und deren Geschwister untersuchen zu lassen, ob sie in ihrer äußeren Erscheinung dem Rassestandart der geografischen Rasse entspricht.  In Deutschland ist dieses in erster Linie die carnische Bienenrasse. Es macht wenig Sinn sich mit der Zucht einer Bienenrasse zu befassen, die in einem bestimmten Umfeld nicht, oder nur selten gehalten wird. Kreuzungen mit anderen Rassen bewirken nun mal den Abbau von reinerbig verankerten Merkmalen und Eigenschaften. In den einzelnen Landesverbänden des DIB gibt es Merkmaluntersuchungsstellen, welche für wenig Geld eine Untersuchung der Zuchtvölker auf Rassezugehörigkeit nach äußeren Merkmalen, vornehmen können.
Mit so einer Geschwistergruppe beginnen wir nun unsere Zuchtarbeit. Kern jeder Zuchtarbeit ist die Leistungsprüfung. Wir wollen ja ermitteln, welche unserer Geschwisterköniginnen in ihrer Leistung unseren Wünschen am nächsten kommen. Auf die Leistungssteigerung kommt es an. Bei den zu Grunde liegenden Rassemerkmalen kann es keine Steigerung geben, wir müssen nur darauf achten, dass wir nicht bei den Verpaarungen, die wir in jeder Generation vornehmen, aus dem Rassestandart heraus geraten.
Bei der Leistungsprüfung  die wir vornehmen, treffen wir nun auf die biologischen Besonderheiten, die die Bienen als Zuchtobjekte mit sich bringen. Wir sehen nun dass wir bei der Bewertung der Zuchtköniginnen nicht diese selbst untersuchen, sondern deren Nachkommen. Vor Augen haben wir also mehrere Gruppen von Supergeschwistern in jedem Zuchtvolk, bei denen die einzelnen Bienen ein besonders enges Verwandtschaftsverhältnis haben. Supergeschwistergruppen stammen von einem einzelnen Drohn ab, der ja nur mütterliches Erbgut mitgebracht hat. Seine Spermien vererbten identisch. Das Verwandtschaftsverhältnis der verschiedenen Supergeschwistergruppen zueinander ist das von Halbgeschwistern. Die einzelnen Gruppen innerhalb des Zuchtvolkes sind unterschiedlich groß, weil die Drohnen, die zum Zuge gekommen sind, unterschiedlich große Mengen Sperma unterbringen konnten. Solch ein Gemisch, unterschiedlich verwandter Bienen, stellt nun unser Leistungsprüfungsobjekt dar und soll Auskunft geben über ihre gemeinsame Mutter, die sich nach Ablauf der einjährigen Leistungsprüfung vielleicht als diejenige Königin aus der Geschwistergruppe zeigt, die unseren Vorstellungen am nächsten kommt.
Eine wichtige genetische Besonderheit bei den Honigbienen ist die Geschlechtsbestimmung durch Sex-Allele. Ein Allel bezeichnet eine mögliche Ausprägung eines Gens, das sich an einem bestimmten Ort (Locus) auf einem Chromosom befindet. Man kennt 12 unterschiedliche Allele, die für die Geschlechtsbestimmung der Bienen zuständig sind. Nun ist es so, dass bei der Befruchtung der Eizelle das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Allele sicherstellt, dass aus dem Ei eine weibliche Made schlüpft. (  Beim Menschen z. B. ist es umgekehrt Gleichheit sichert weibliche Nachkommenschaft und Ungleichheit männliche Nachkommen. ) Das Zusammentreffen gleicher Allele sichert bei den Bienen also männliche Nachkommen. Drohnen sind haploide Wesen, sie entstehen ja aus unbefruchteten Eiern und können nur das Sex-Allel der Mutter aufweisen. Das Vorhandensein eines einzelnen Sex-Allels gilt nun als Allel-Gleichheit und es entstehen Drohnen. Treffen nun aber zwei gleiche Sex-Allele bei der Befruchtung des Bieneneies zusammen, entsteht in der Arbeiterinnenzelle eine diploide Drohenmade. Solche werden aber sogleich von den Pflegebienen erkannt und aus den Zellen entfernt. Durch Inzucht, also durch Verpaarung relativ naher Verwandten versuchen wir nun in der Zucht Reinerbigkeit zu vermehren und zu sichern. Inzucht bewirkt aber auch Genverarmung in der Zuchtpopulation. Auch die Zahl der möglichen Sex-Allele nimmt ab und es treffen immer öfter gleiche Sex-Allele aufeinander, je enger das Verwandtschaftsverhältnis zwischen der Zuchtkönigin  und den Drohnen ist, die sie begattet haben. Immer größer werdende Brutlücken treten auf, bis eine Weiterführung dieser Inzuchtlinie nicht mehr möglich ist. Wir sehen, dass Bienen durch Inzucht besonders leicht Schaden nehmen können. Die Natur hat ja speziell gegen diese Gefahren Gegenstrategien eingerichtet: Mehrfachpaarung der Königin, Begattung außerhalb des Stockes und weiter Flugradius der Geschlechtstiere, besonders der Königin beim Begattungsflug. Unter diesen Naturgesetzen zu züchten, heißt, im Vergleich zu den meisten Zuchtbemühungen mit anderen Lebewesen, unter erschwerten Bedingungen Zuchtarbeit zu leisten. Dennoch, oder gerade deshalb, bereitet die Zuchtarbeit mit Honigbienen besonders große Freude.

Heinz-Josef Klein-Hitpaß
 

Zuletzt geändert am 08.08.2010

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